Traditionelle Ernährung in Indien.

Wie gesund ist traditionelles indisches Essen?

In diesem Beitrag werden zwei Wissenschaftler vorgestellt, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten indische traditionelle Ernährung erforschten. Sowohl Rujuta Diwekar, als auch Robert McCarrison beschäftigen sich vor allem mit den Auswirkungen auf die Gesundheit. Wer sich für Weston A. Price interessiert (der übrigens nie in Indien war), sollte auch diese Forschungen kennen!

Celebrity-Nutriologin Rujuta Diwekar

Genug von ständig wechselnden Ernährungstrends und Diäten? Keine Lust mehr auf erfolgloses Kalorien-Zählen oder fades fettfreies Essen? Besorgt über die Umweltauswirkungen unseres Konsums? So ähnlich lautet das Motto von Rujuta Diwekar. Die Bücher der indischen Ernährungswissenschaftlerin sind in Indien Bestseller. Sie coacht unter anderem Bollywood-Stars wie Kareena Kapoor und hat bereits tausenden Menschen geholfen, ihr Traumgewicht zu erreichen.

Rujutas These ist, dass „Großmutters Küche“, also traditionelle Ernährung, die gesündesten sind, da sie auf Jahrhunderte langer Erfahrung basiert. In den wechselnden Ernährungstrends, die etwas anpreisen um es dann 10 Jahre später wieder zu verteufeln, sieht sie nur Geldmacherei. Beispielsweise wird den Indern von den Medien eingeredet, ihr traditionelles Ghee (Butterschmalz) oder die dort viel genutzten Kokosnüsse seinen ungesund. Stattdessen sollen sie raffiniertes fettreduziertes Öl benutzen oder teure, importierte Haferflocken essen. Denn diese Produkte seien angeblich gesünder, als Ghee oder das regionale Frühstück aus Reis. In Deutschland hingegen ist es genau umkehrt. Die indische Ernährung nach Ayurveda mit Kokosöl, Ghee etc. liegt hier voll im Trend und wird entsprechend als gesund vermarktet.

Das traditionelle Gericht enthält alles, was der Körper braucht

Anhand einer typischen indischen Mahlzeit erklärt sie, wie diese perfekt aufeinander abgestimmt ist. Sie ist lecker, leicht verdaulich und nährstoffreich. Reis liefert Kohlenhydrate, Linsen das Protein und die Gemüsebeilage sorgt für Vitamine. Das Ghee als Fett sorgt dafür, dass die Nährstoffe optimal aufgenommen werden können. Außerdem liefert das Pickle, eine salzig fermentierte Gemüsebeilage, probiotische Bakterien für eine gesunde Darmflora. Das Salz stimuliert zudem die Magensäure und Gewürze wie Cumin oder Bockshornklee regen die Verdauung an. Ein solches traditionelles Gericht ist nicht nur schmackhaft, sondern auch gesund.

Rujuta Diwekar nutzt ihren ernährungswissenschaftlichen Hintergrund und zeigt auf, wie nährstoffreich und preisgünstig die regionale, saisonale und traditionelle Ernährung ist. Ihr Motto ist „think global – eat local“. Denn traditionelles Essen ist perfekt an das Klima einer Region angepasst und somit nicht nur gesund, sondern auch umweltfreundlich. Rujuta warnt vor allem vor industriell hergestellten Produkten wie raffiniertem Öl und Bewegungsmangel.

Wen W. A. Price interessiert, sollte auch Robert McCarrison kennen!

Doch ist wirklich alles traditionelle indische Essen gesund? Robert McCarrison hatte dazu eine etwas andere Meinung als Rujuta Diwekar. Er war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein bedeutender Arzt, Ernährungswissenschaftler und königlicher Leibarzt im kolonialen Indien. Dabei brachte er die traditionelle Ernährung der indischen Völker mit ihrem Gesundheitszustand in Verbindung und bestätigte diese Beobachtung anschließend in Rattenexperimenten.

McCarrison verglich bei seiner langjährigen Tätigkeit in Indien Körperbau und Allgemeingesundheit der dort lebenden Völker. Ihm fiel auf, dass diese bei den Bewohnern der nordindischen Gebieten landesweit am Besten war. Eine Tendenz, die auch heute noch Reisenden auffallen kann. Da damals der Ernährungswissenschaft eine große Rolle zugeschrieben wurde, verglich er die Ernährungsgewohnheiten der Bewohner des Vielvölkerstaates. Daraufhin stellte die Hypothese auf, dass die traditionelle Ernährung der Nordinder gesünder sei, als im Rest des Landes. Insbesondere die Völker an Nordwestgrenze (Hunza, Pathan und Sikh) fielen ihm bei seiner ärztlichen Tätigkeit positiv auf.

Die traditionelle Ernährung der indischen Völker

McCarrison analysierte, dass die traditionelle Ernährung der nördlichen Völker viel hochwertiger war, als die im Süden. Die Qualität und Menge der Eiweißstoffe, des Getreides, der Fette sowie der Gehalt an Mineralstoffen und Vitaminen waren deutlich höher. Im Norden stellten ungesäuerte Fladen aus mit Handmühlen frisch gemahlenem Weizen das Grundnahrungsmittel dar. Zudem gab es viel frische Milch und deren Erzeugnisse in Form von Butter, Quark und Buttermilch. Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst und gelegentlich Fleisch waren ebenfalls Bestandteil der Nahrung.

Im Rest des Landes hingegen stellte Reis das Grundnahrungsmittel dar. Dieser wurde durch Abbrühen oder Polieren verarbeitet und vor dem Kochen eingeweicht oder intensiv ausgewaschen. Milch und Milchprodukte, Gemüse und Obst machten nur einen geringen Bestandteil der Nahrung aus. McCarrison analysierte, dass diese Nahrung deutlich weniger Eiweiße, Mineralstoffe und Vitamine aufwies, als das nordindische Essen. Er kam zu dem Schluss, dass sich diese Tatsache auch im vergleichsweise schwächeren Körperbau und der Infekt-Anfälligkeit der Südinder widerspiegelte.

McCarrisons Rattenexperiment

Um seine Hypothese zu testet, führte McCarrison einen zweijährigen Versuch mit jungen, gesunden Ratten durch. Die Ratte wählte er deshalb, weil sie alles frisst, was auch der Mensch isst und einen ähnlichen Ernährungsstoffwechsel aufweist. Ein Rattenjahr entspricht etwa 25 Menschenjahren, sodass in wenigen Monaten bereits Ergebnisse verbuchbar sind. McCarrison teilte die Ratten in Gruppen ein und fütterte sie je mit der unterschiedlichen Ernährung der indischen Völker. Diese wurde für das Experiment je exakt traditionell zubereitet.

Interessanter weise entwickelten die Ratten sich ähnlich, wie das Volk, dessen traditionelle Ernährung sie bekamen. Diejenigen der „Sikh“-Gruppe waren groß, schön, lebhaft und zutraulich, Infektionskrankheiten gegenüber waren sie immun. Die Ratten der „Chennai“-Gruppe (Stadt in Südindien) hingegen waren schwächlich und apathisch und starben teilweise vorzeitig an Infektionen. Manche Ernährungsweisen riefen sogar aggressives Verhalten hervor.

Die gesündeste Nahrung in Indien?

In einem weiteren zweijährigen Versuch fütterte McCarrison seine Ratten ausschließlich mit der traditionellen Ernährung der nordindischen Sikhs. Diese bestand aus ungesäuertem Fladenbrot aus frisch gemahlenem Weizen, frischer Milch und Milchprodukten, Hülsenfrüchten und Salaten aus grünem Blattgemüse. Zudem gab es Karotten, Kartoffeln, Obst und gelegentlich Fleisch. Außerdem gewährte er den Tieren Wasser, frische Luft, Sonne und eine saubere Umgebung. Während diesem Versuch gab es abgesehen von Unfällen keine Todesfälle, auch nicht bei Mutter- und Jungtieren.

Des Weiteren experimentierte McCarrison mit den einzelnen Ernährungsbestandteilen. Er ließ beispielsweise den Salat weg oder reduzierte die Milchprodukte. Daraufhin traten bei den gesunden Ratten plötzlich gesundheitliche Probleme in Form von Magen-Darm-, Nieren oder Blasenleiden auf. „Durch eine Veränderung der Zusammensetzung des Futters ist es im Experiment möglich, bei Tieren jeden Grad von Gesundheit willkürlich zu erzeugen – einen guten Gesundheitszustand, einen schlechten oder einen unbestimmten, indifferenten“, schlussfolgert McCarrison.

Ebenfalls in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden im englischen Dorf Cheshire die Beobachtungen von McCarrison in die Arbeit einer Familienpraxis integriert. Schwangere Frauen bekamen vom dortigen Arzt eine an Nordindien angelehnte, aber regionale Ernährung verordnet. Diese bestand aus Vollkornbrot (zubereitet mit frisch gemahlenem Mehl und unverarbeiteten Weizenkeimen), Rohmilch, Butter, Cheshirekäse, Hafermehlsuppe und Eiern. Zudem gab es Fleischbrühe, große Mengen Salat und Obst, grünes Blattgemüse sowie wöchentlich Leber, Fleisch und Fisch. Diese Ernährung wurde auch während der Stillzeit beibehalten. Die Kinder entwickelten im Vergleich zu ihren Altersgenossen gesunde Gebisse. Außerdem schliefen sie gut, waren immun und zeichneten sich durch gute Laune aus.

Beriberi: Krankheit durch die Einführung von weißem Reis

McCarrison forschte zudem zu Beriberi, einer Krankheit, die im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen Teilen Asiens verbreitet war. Lange wurde diese als eine durch Viren ausgelöste Seuche missinterpretiert. Doch interessanterweise trat sie dennoch immer dort auf, wo die Umstände am hygienischsten waren. Letztendlich fand man heraus, dass es sich um eine Vitamin-B-Mangelerkrankung handelte und gar keine Viren im Spiel waren.

An der Entdeckung Beriberis waren verschiedene Wissenschaftler beteiligt, unter anderem Christian Ejkmann. Dieser beobachtete Hühner, die bei einer ganz zufälligen Umstellung von braunem auf polierten Reis plötzlich an Beriberi erkrankten. Bei erneuter Umstellung wurden sie wieder gesund – was man später auch bei Menschen beobachtete. Letztendlich konnte bestätigt werden, dass die gefährliche Vitaminmangelkrankheit durch das Aufkommen von poliertem (also weißem) Reis verursacht worden war. Wo noch traditionell Naturreis oder im Parboiling-Verfahren hergestellter Reis gegessen wurde, gab es kein Beriberi.

Ein Fazit

Die verhältnismäßig schlechte Gesundheit der Bewohner Südindiens hing laut McCarrison also unter anderem mit poliertem weißen Reis als Grundnahrungsmittel zusammen. Im Vergleich zum vollwertigen, frischen Weizen des Nordens ist dieser nährstoffarm und minderwertig. Traditionell konnte unpolierter Reis auch ohne den Zusatz von viel Gemüse oder Obst genügend Vitamine enthalten. Seit der Industrialisierung war dies nicht mehr der Fall, doch die Gewohnheiten der Menschen hatten sich nicht rechtzeitig angepasst.

Natürlich lassen sich Rattenversuche nicht ohne weiteres auf Menschen übertragen. Dennoch sind die Ergebnisse sehr aufschlussreich – vor allem, da die aktuelle Ernährungsforschung eine ähnliche Ernährungsweise wie McCarrison empfiehlt. Würde Rujuta Diwekar die Geschichte der traditionellen Ernährung in Indien kennen, wären ihre Ratschläge wahrscheinlich noch wertvoller!

Quellen weiterführende Literatur

  • McCarrison, Robert (1924): Rice in Relation to Beri-Beri in India. (Artikel)
  • Howard, Albert (1948): Mein landwirtschaftliches Testament, Berlin, S.171, 174. (Buch, Druckversion)
  • von Haller, Albert (1983): Macht und Geheimnis der Ernährung, Hopferau S.135-144. (Buch, Druckversion)
  • Rujuta Diwekars Dokumentation „Indian Food Wisdoms“. (YouTube-Film)
  • Wikipedia „BeriBeri“
  • Titelbild von Pixabay

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8 Kommentare

  1. […] Persönlichkeiten der Vergangenheit und deren Beobachtungen zu berücksichtigen, beispielsweise Sir Robert McCarrison. Zudem gibt es in den Quellenabgaben einen kostenlosen Link zu Prices Originalwerk, damit sich […]

  2. […] Traditionelle Ernährung als Konzept bedeutet eine nicht-industrielle Ernährung. Eine Konsumart, die dem ähnelt, was man als Selbstversorger so essen würde. Die sich nach Jahreszeit und saisonaler Verfügbarkeit richtet und von allem ein bisschen nutzt. Vollwertige Produkte und schlichte Rezepte kennzeichnen sie. Mithilfe des Wissens früherer Generationen kann man lernen, intelligent mit der modernen Fülle umzugehen. Wie Traditionelle Ernährung zu mehr Gesundheit und Nachhaltigkeit beitragen kann, dass haben bereits viele historische Wissenschaftler für uns erforscht – beispielsweise Weston A. Price oder Robert McCarrison. […]

  3. […] verließ, unter den Nomaden lebte und ihre Nährweise mitmachte, verschwanden die Anzeichen von Beriberi.“ (Hermanns 1949, […]

  4. […] empfehle die Verwendung von braunem Reis oder Parboiled-Reis – warum, ist im Kapitel „Beriberi – Krankheit durch die Einführung von weißem Reis“ […]

  5. […] empfehle die Verwendung von braunem Reis oder Parboiled-Reis – warum, ist im Kapitel „Beriberi – Krankheit durch die Einführung von weißem Reis“ […]

  6. […] Touristen zugänglich. Es handelt sich bei den Hunza übrigens um jenes Volk, welches der Arzt Robert McCarrison in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts als die gesündesten Menschen in Indien […]

  7. […] Diwekar ist eine Ernährungswissenschaftlerin, die ich sehr schätze und über die ich bereits zuvor geschrieben habe. „Verzichtet am Diwali-Fest auf keinen Fall auf die traditionellen, frittierten […]

  8. […] ihr euch an die gesunden Hunza, die ihr Getreide frisch mit Handmühlen gemahlen haben? Das ist aus traditioneller Sicht […]

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