traditionell viele Kinder

Viele Kinder? Bevölkerungskontrolle bei traditionellen Völkern

Kinderreiche Familien – das bringen viele Menschen mit der vorindustriellen Zeit in Verbindung. Im Beitrag über die Hunza haben wir jedoch festgestellt, welch negative Auswirkungen Bevölkerungswachstum auf eine Gesellschaft haben kann. Wie viele Kinder waren also bei isolierten Völkern üblich und wie wurde dies geregelt?

Ökologisches Gleichgewicht durch kleine Gruppengrößen

Wenn wir von vorindustriellen Völkern reden, dann betrachten wir normalerweise bäuerliche Gesellschaften, die von Selbstversorgung lebten. Nahrung und Gebrauchsgüter wie Kleidung produzierte man also komplett selbst. Somit bestand eine große Abhängigkeit von der natürlichen Umwelt: nur wenn diese ausreichend Ressourcen produzierte, war das Volk versorgt. Die Bewahrung eines ökologischen Gleichgewichts war deshalb insbesondere bei isolierten Völkern ohne Handelsbeziehungen lebenswichtig.

Voraussetzung für eine harmonische Mensch-Umwelt-Beziehung ist vor allem eine gleichbleibende Bevölkerungszahl. Theoretisch geschieht dies dann, wenn pro Erwachsener ein Kind das Erwachsenenalter erreicht – also zwei „überlebende“ Kinder pro Paar. Ein Bevölkerungsanstieg durch unkontrolliert viele Kinder hingegen stört ein solches Gleichgewicht. Denn um weiterhin alle satt zu bekommen, muss nun der Ertrag von Landwirtschaft und Jagd erhöht werden. Mit Waldrodungen, Auslaugung von Böden, Überfischung von Gewässern und einer Abnahme von Wildtieren als Ergebnis. Die Natur kann sich nicht mehr erholen, wodurch natürliche Ressourcen immer weniger werden. Missernten, Hungersnöte und vermehrte Seuchen führten daraufhin in vorindustriellen Gesellschaften zu mehr Todesfällen – eine natürliche Bevölkerungskontrolle.

Doch tatsächlich haben es traditionelle Völker oft gar nicht erst so weit kommen lassen. Sie entwickelten verschiedene Strategien zum Umgang mit ihren Ressourcen (also den Nahrungsquellen), um das Gleichgewicht zwischen einer Gesellschaft und ihrer Umwelt zu erhalten. Zu den Strategien gehörten Methoden zur Bevölkerungskontrolle und Bräuche wie Nahrungsmitteltabus. Diese scheinen auf den ersten Blick gar nichts mit den Ressourcen zu tun zu haben. Das Ziel war jedoch, die Gruppengröße klein zu halten und eine Übernutzung der Umwelt zu verhindern.

Kindestötung war früher weit verbreitet

Die Archäologin Betty Meggers, die ab den 1940er Jahren zusammen mit ihrem Ehemann das Leben der im Amazonas lebenden Jívaro erforschte, berichtet über deren teilweise grausame Mittel zur Bevölkerungskontrolle. Die Tötung ungewollter Kinder war beispielsweise weit verbreitet. Warren Hern schreibt zudem über die südamerikanischen Ayoreo, dass Frauen, die eine solche Kindestötung ablehnten, verbannt wurden.

Der Antropologe Aram Yengoyan berichtet Kindestötungen auch bei den australischen Aborigines, die beim untersuchten Stamm mit einer Rate von 30% sehr häufig auftraten. Diese fand unter anderem bei Zwillingen oder angeborenen Geburtsfehlern statt. Bei den Eskimos erfolgte Kindestötungen auf Basis sorgfältiger Überlegungen, wobei Geschlecht und Gesundheit des Neugeborenen sowie die Jahreszeit eine Rolle spielten.

Weitere Methoden der Bevölkerungskontrolle waren die Nutzung pflanzlicher Verhütungsmittel oder Abtreibungen. Bei vielen südamerikanischen Stämmen, beispielsweise den Shipibo, war die Gesundheit von Männern und Kindern auffällig gut. Nicht aber bei Frauen – diese wirkten ausgemergelt und starben häufig an Gebährmutterhalskrebs, ausgelöst durch ätzende Verhütungsmittel und übermäßig viele Geburten. Obwohl Frauen also oft mehrere Geburten hatten, überlebten letztendlich gerade genug Kinder, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten.

Große Geburtenabstände und lange Stillzeiten

Des Weiteren wurden bei südamerikanischen Indianern, Eskimos und Aborigines große Geburtenabstände und lange Stillzeiten als Mittel der Bevölkerungskontrolle beobachtet. Etwa dreijährige Stillzeiten und drei- bis vierjährige Geburtenabstände bei vielen Völkern begründen Antropologen zudem damit, dass die Mütter ihre Babies bei den täglichen Arbeiten meist bei sich trugen. Dadurch sicherte man das Überleben des Säuglings – was bei mehreren Kleinkindern nicht möglich wäre. Wenn die Mutter während dieser Zeit dennoch schwanger wurde, erfolgte bei Aborigines Abtreibung oder Kindestötung.

Ralph Bircher wertete die Berichte des Sprachenforscher-Paares Lorimer aus, die in den 1930ern längere Zeit bei den Hunza im Himalaya lebten. Er beschreibt, dass, sobald eine Frau schwanger wurde, sie sich von da an drei oder vier Jahre lang nicht mehr das Bett mit ihrem Mann teilen durfte. Mädchen wurden zwei Jahre lang gestillt, Jungen drei Jahre. Erst nach dem Abstillen durfte die Mutter erneut schwanger werden. Wer gegen dieses Gesetz verstoß, würde verachtet werden, ebenso wie die Kinder, die ungewollt während der Stillzeit eines anderen zur Welt kamen. Phasen vorgeschriebener Enthaltung gab es übrigens auch bei Völkern im Amazonas und bei Eskimos.

Bekannt sind zudem Adoptionen und Kindertausch: verwandte Paare, die zur selben Zeit ein Kind unterschiedlichen Geschlechtes geboren hatten, tauschten die Babies bei Bedarf untereinander aus.

Bevölkerungswachstum durch westliche Werte

Laut Warren Hern trug auch die weit verbreitete Polygamie (Vielehe) zur Geburtenkontrolle bei. Als christliche Missonare diese bei südamerikanischen Indianern abschafften, gebaren Frauen im Durchschnitt öfter und mit kürzeren Abständen.

Wann und wie viele Kinder geboren werden bzw. überleben durften, wurde bei indigenen Gesellschaften vom lokalen Oberhaupt festgelegt. Doch durch Kontakt mit dem Westen und westlichen religiösen, moralischen und wirtschaftlichen Ideen nahmen kulturelle Methoden zur Bevölkerungskontrolle immer weiter ab. Dadurch kam es in vielen Fällen zu einem Bevölkerungsanstieg, da Kindestötung oder Vielehen nun als moralisch schlecht galten.

Ein Mädchen und ein Junge pro Familie

Eine Studie zur Bedeutung von indigenem Wissen untersuchte 2012 die chinesische Gemeinde Zhanli in Guizhou, die bis 2003 komplett von der Außenwelt isoliert war. Die wichtigste Strategie zum Erhalt der Ressourcen dieses 1100 Jahre alten Dörfes war die Kontrolle der Kinderzahl pro Familie. 1951 zählte die Bevölkerung 728 Menschen, 2009 waren es 725. Ein perfektes Gleichgewicht also. Es heißt, dass es in der Vergangenheit bei Bevölkerungsanstieg Konflikte gegeben hatte, weshalb die Dorfoberhäupter die Anzahl der Kinder pro Familie auf zwei beschränkten.

Das Erstaunliche war jedoch, dass fast jede Familie (98%) genau einen Jungen und ein Mädchen hatte. Viele Forscher und Experten konnten bis heute keine zufrieden stellende Antwort auf dieses Phänomen finden. Die Dorfbewohner selbst berichten von einer speziellen Diät während der Schwangerschaft sowie Wildkrautwurzeln. Eine diene der Empfängnisverhütung und Abtreibung, drei andere sollen auf das Geschlecht des Babies einwirken. Doch so richtig erklären konnte das wohl niemand mehr.

Zwei Mal im Jahr versammelt sich das Dorf, um zusammen die Regeln zur Bevölkerungskontrolle zu singen und eine Rede der Ältesten anzuhören. Frisch verheiratete Paare müssen zudem vor einem Altar schworen, dass sie sich an die Regeln halten werden. Außerdem gibt es Sprichwörter, die vor den negativen Folgen eines Bevölkerungsanstieges warnen: „Ein Boot kann 500 [Einheiten] tragen, mehr bringen es zum Sinken.“, „Zu viele Küken bringen der Mutter den Tod.“ oder „Zwei Kinder – ein Junge und ein Mädchen – sind genug für einen Haushalt und bringen keinen Hunger.“

Als Ergebnis dieses geschickten Ressourcenmanagements gab es in dieser Gemeinde keine Armut. Niemand musste außerhalb Arbeit suchen und es gab keine Verkleinerung von Feldern durch zu viele Erben. Zudem blieb im Territorium des Dorfes auffällig viel Wald erhalten, unter anderem mit einer großen Anzahl an uralten Bäumen (vgl. Yuan et al. 2012).

Mitteleuropa – Kinderreichtum als neues Phänomen

Doch werfen wir abschließend auch einen Blick nach Mitteleuropa.
In Deutschland gibt es erst seit 1876 Ehefreiheit. Zuvor war viele Jahrhunderte lang die Heiratserlaubnis eines Grundbesitzers oder einer Zunft notwendig. Diese erhielten nur Menschen, die genug Land oder Geld zum Unterhalt einer Familie hatten. Deshalb blieben viele unverheiratet und kinderlos. Auch das Heiratsalter lag in den letzten 300 Jahren höher, als dies meist angenommen wird. Tatsächlich heirateten Frauen im Durchschnitt erst mit 28-30 Jahren. Sogar bei meinen Uromas war dies noch der Fall!

Wenig bäuerliches Land, Zunftregeln in der Stadt und ein relativ hohes Ehealter sorgten also zur vorindustriellen Zeit dafür, dass in Mitteleuropa eher wenige Kinder pro Frau geboren wurden. Auch eine hohe Mütter- und Kindersterblichkeit trug dazu bei, dass vermutlich kaum mehr als zwei oder drei Kinder in einer Familie lebten.

Mit der Einführung der Ehefreiheit und dem mit der Industrialisierung einhergehenden Wohlstand änderte sich dies. Es wurde öfter und vor allem früher geheiratet. Das Nahrungsmittelangebot stieg, während die Kindersterblichkeit abnahm. Viele Arbeiterfamilien erkannten nun in Kindern das Potential billiger Arbeitskräfte. Somit gibt es Kinderreichtum in Mitteleuropa eigentlich erst seit etwa 150 Jahren. Eine Entwicklung, die sich in vielen Teilen der Welt wiederholt hat!

Fazit

Einen Einfluss darauf zu nehmen, wie viel Kinder geboren wurden, war also in vorindustriellen Gesellschaften und vor allem bei isolierten Völkern essentiell. Nur dadurch konnte man das Wohlergehen der Gruppe gewährleisten. Die Hunza geben ein Beispiel dafür, wie ein Bevölkerungsanstieg zu Hunger und verschlechterter Hygiene führen konnte. Verhindert wurde dies oft auf eine für uns schrecklich grausam erscheinende Weise: dem Kindesmord. Doch Regelungen über verlängerte Stillzeiten, große Geburtenabstände und die Nutzung von Kräutern zeigen, dass es scheinbar auch anders ging. Entscheidend war aber in allen Fällen die Vorgabe von Oberhäuptern oder Ältesten, welche die Gesetze für Familienerweiterungen bestimmten. Letztendlich trugen natürlich auch eine vergleichsweise höhere Mütter- und Kindersterblichkeit sowie Kriege zu einem Bevölkerungsgleichgewicht bei.

Abschließend lässt sich sagen, dass traditionell Großfamilien eher durch das Zusammenleben mehrerer Generationen und mit Verwandten entstanden. Viele Kinder zu haben war hingegen nicht die Regel. Das muss wohl in den meisten Fällen ein Privileg wohlhabender, herrschender Familien gewesen sein.

Die Recherche für diesen Beitrag schwieriger, als erwartet und das Ergebnis hat mich teilweise selbst überrascht! Wie geht es euch mit diesem Thema, wie viel wusstet ihr darüber?

Quellen & Weiterführende Literatur

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2 Kommentare

  1. Marvin Falz says:

    Ich wußte nicht, dass Kindesmord zur traditionellen Bevölkerungskontrolle gehört hat. Ich verstehe die Hintergründe. Und der Blick auf die Hintergründe ändert auch ein wenig meine Perspektive auf das Heute, auf unsere moderne Welt. Einerseits glaube ich, dass die Welt selbst nicht überbevölkert ist, aber die Städte sind es. Und ich halte gar nichts von versteckter Bevölkerungskontrolle durch Impfungen, wie in Afrika und Indien. (Es gibt Gründe, warum Bill Gates bei vielen Menschen sehr unbeliebt ist, und das ist eben die versteckte Bevölkerungskontrolle durch Impfungen.) Andererseits glaube ich, dass sich Naturvölker weitaus weniger Probleme gehabt haben, als wir in den modernen, (über?)technisierten Staaten, in denen sich eine „ich mache, was ich will“-Mentalität ausbreitet, die durch den Wohlfahrtsstaat noch gefördert wird. Wobei „ich mache, was ich will“ für die meisten wohl auf Konsum beschränken dürfte. Und wenn dann Kinder aus Spaß gezeugt werden, dann können die ja wieder abgetrieben werden. Ich frage mich aber, ob es am Ende auf das selbe herauskommt, also ob es im Prinzip das selbe ist, ob nun ein Naturvolk sich an Regeln und Rituale hält, und lediglich die Kinder abtreibt, die entstanden sind, weil man sich nicht an die Regeln gehalten hat, ober ob nun der moderne Mensch im Überfluß Spaß haben kann, und sich dann der „unangenehmen Nebeneffekte“ und der Verantwortung durch Abtreibung entziehen kann. Relativ sicher scheint mir zu sein, dass der heutige Mensch keinen gesunden, realistischen Bezug mehr zu Sterben und Tod hat, sondern im Gegenteil Angst vor dem Natürlichen, vor dem Tod und vor dem Leben hat. Das zeigt sich dann darin, dass Leben so viel wert ist, dass es auf Teufel komm raus geschützt werden muß, auch wenn das bedeutet, dass Menschen nicht „artgemäß“ leben können, und sogar am Sterben gehindert werden, oder die einen geschützt werden, aber dafür die anderen sterben müssen. Und die ultimative Perversion – wie mir scheint – ist in der transhumanistischen Version vom ewigen Leben als Nicht-Mensch. Naja, seit ich bei Dir lese, und das Gelesene mit der jetzigen Welt vergleiche, erscheint mir das einfache Leben noch wünschenswerter zu erscheinen, als vorher. Danke. Bitte mehr solcher Texte! 🙂

    1. Das stimmt, ein Leben ist inzwischen extrem viel wert und die Angst vor dem Tod größer denn je. Und das hat seinen Preis … Für den Fall, dass ein Leben zu erhalten (dem Individuum) langfristig mehr Leid zufügt als der Tod, sollten die ethischen Richtlinien vielleicht mal überdacht werden.

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